Reifen für Geländewagen: Grobheit als Tugend

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Jeep mit Geländereifen von BF-Goodrich Kraxeln mit BF-Goodrich

Die Bereifung von Geländewagen stellt die Entwickler vor besondere Aufgaben, schließlich sollen die Gummis unterschiedlichsten Anforderungen gerecht werden. Wenn schon Sommer-, Winter- und Ganzjahresreifen eine Kompromisslösung darstellen, so gilt dies für Geländewagen-Pneus erst recht. Denn während normale Pkw-Reifen meist nur trockenen und nassen Asphalt sowie Schnee und Eis erleben, sollen allradgetriebene Autos auch auf Schotterpisten, Wüstensand, rutschigen Wiesen sowie im Schlamm nicht versagen und trotzdem auf Straßen einigermaßen fahrbar bleiben.

Straßenreifen unter falscher Flagge

Noch komplexer wird das Thema Geländewagenreifen aufgrund des Erfolges der SUVs. Denn durch die Pseudo-Geländewagen sickern auch Reifen in dieses Segment ein, die zwar in ihrer Dimension typische Offroad-Reifen sind, bei denen es sich sonst aber um reine Straßenreifen handelt, die man eher als „normale“ Bereifung eines VW Golf oder einer Mercedes-E-Klasse antrifft. Bei diesen Gummis ist der Begriff Geländereifen irreführend, denn für den Offroad-Betrieb sind zum Beispiel solche Winterreifen wie der Michelin Alpin A4 oder der Nokian WR D3 nicht konzipiert, obwohl sie auch in speziellen Offroad-Magazinen getestet werden. Und da viele SUVs ohnehin so gut wie nie abseits befestigter Straßen zum Einsatz kommen, gibt es absurderweise Geländewagenreifen, bei denen echte Geländetauglichkeit praktisch nicht gefragt ist. Um allen Kundenwünschen vom Großstadt-SUV-Fahrer bis zum Land-Rover-Globetrotter gerecht zu werden, bieten die Hersteller für das Marktsegment eine Vielfalt von Produkten an, bei denen die Offroad-Eigenschaften in unterschiedlicher Dosierung vorhanden sind.

Geländereifen von Goodyear Goodyear Wrangler MT/R

Goodyear mit gemischtem Programm

Bei Goodyear sind die Geländereifen an der Bezeichnung Wrangler zu erkennen. Ein ausgesprochener All-Terrain-Spezialist ist der grobstollige Sommerreifen Wrangler MT/R, dem auch Laien auf den ersten Blick seine bevorzugte Verwendung ansehen. Der Land Rover Defender wird ab Werk mit den Wrangler-MT/R-Reifen ausgerüstet, die nach Angaben von Goodyear auf lehmigem Untergrund „einen hervorragenden Matschauswurf ermöglichen.“ Ein weiterer Sommerreifen für den gemischten Einsatz ist der Wrangler AT/SA. Mit dem Wrangler DuraTrac führt Goodyear eine Art eierlegende Wollmilchsau unter den Geländewagenreifen. Er soll als Ganzjahresreifen mit Gelände-Eignung überall und zu jeder Jahreszeit genügend Traktion und Sicherheit bieten. Ebenfalls ein Allwetterreifen ist der Vector 4Seasons SUV, der jedoch eher für die Straße taugt; als normaler Pkw-Reifen hat der Vector 4Seasons mehrere Vergleichstests unter den Ganzjahresreifen für sich entscheiden können. Einziger Goodyear-Winterreifen für den Geländewagensektor ist der Ultra Grip+ SUV, der sich in seiner Profilgestaltung aber eher an konventionelle Winterreifen anlehnt. Bei den Sommerreifen sind der Efficient Grip SUV und der Eagle F1 Asymmetric ebenfalls eher keine Pneus für schweres Gelände. Einen Kompromiss stellt der Sommerreifen Wrangler HP All Weather dar, der bei Allradlern wie dem Land Rover Discovery, Ford Kuga oder VW Amarok zur Erstausrüstung gehört und auch bei etwas anspruchsvolleren Offroadfahrten der richtige Reifen sein soll.

Michelin überlässt BF-Goodrich das Gelände

Michelin fasst seine 4x4-Reifen in der Latitude-Serie zusammen. Der Latitude Diamaris und der Latitude Sport kommen nach Herstellerangaben in erster Linie für PS-starke SUVs wie einen Porsche Cayenne als Sommerreifen in Frage; ihr Winter-Pendent ist der Latitude Alpin HP. Als SUV-Sommerreifen vornehmlich für den Straßeneinsatz listen die Franzosen den Latitude Tour HP, während der Latitude Cross die „Geländeeigenschaften eines Offroad-Reifens“ mitbringen soll. Ausgesprochene „Grobstoller“ für die Wühlarbeit unter erschwerten Bedingungen führt Michelin selbst zwar nicht, wohl aber die Tochtermarke BF Goodrich, deren Mud Terrain TA KM/2 als der „ultimative Off-Road Reifen für Geländespezialisten“ vermarktet wird. In der 16-Zoll-Größe steht er bis zur Dimension 305/70 R16 118Q zur Verfügung. Der Mud Terrain TA KM/2 bietet sich für ein Nutzungsprofil von 80 Prozent Off-Road und 20 Prozent On-Road an.

50/50-Lösung: Der Cinti Cross Contact AT

Der Continental-Reifen, mit dem man sich am ehesten von festen Wegen wegtrauen darf, ist der Conti Cross Contact AT. Er ist für einen 50/50-Einsatz konzipiert und wird von Conti als „leistungsstarker Reifen auch für schweres Gelände“ beschrieben und außerdem als M+S-Reifen klassifiziert, ist also wintertauglich. Bei anderen Conti-4x4-Reifen ist das All-Terrain-Potenzial deutlich geringer. Der Conti Cross Contact LX Sport etwa ist nur für leichtes Gelände geeignet, sein Nutzungsprofil ist 90/10 in Richtung Straßeneinsatz verschoben.

All-Terrain-Reifen von Pirelli Pirelli Scorpion ATR

Pirell mit hoher Alltagstauglichkeit

Im Pirelli-Portfolio ist der Scorpion ATR der Pneu, der sich für Jeep, Land Rover oder Mercedes-G-Klasse am besten eignet. „Auf unebenem Gelände, ob Kies oder Schlamm, bewegt er sich mit sicherem Grip“, lautet das Versprechen des Herstellers. Die „Auto Bild Allrad“ (Heft 7/2008) testete in der Dimension 235/65 R17 den dezidierten Geländereifen Goodyear Wrangler MT/R gegen die Mischreifen Pirelli Scorpion ATR und Conti Cross Contact AT. Der Pirelli wurde von der Zeitschrift als der „alltagstauglichste Mischreifen“ gelobt, da er recht leise und mit relativ geringem Widerstand abrollt. Der Conti kommt erstaunlich gut mit unwegsamen Strecken zurecht, kann aber mit dem Wrangler MT/R bei Geländeübungen nicht mithalten. Allen geländetauglichen Reifen gemeinsam ist, dass sie im Straßenbetrieb gegenüber einem Normalreifen erhebliche Sicherheitsnachteile mit sich bringen. Die Bremswege bei Nässe und trockenem Asphalt sind wesentlich verlängert, und auch ein präzises Handling ist mit derartigen Pneus vergleichsweise schwer. Sofern man nicht wirklich häufig ins Gelände abbiegt, was in Deutschland bei nur wenigen Autofahrern der Fall ist, sollte man auf Reifen zurückgreifen, die auf Asphalt besser funktionieren.

Autor: Hendrik